Abfahrt Stitzinger

Auf Skiern der Größte

Mit seinen Skiabfahrten von Broad Peak und K2 hat Luis Stitzinger im August die 8000er-Szene aufgemischt. Wir sprachen mit ihm. Warum der Bergführer an allen 14 Achttausendern die Tourenski einpacken würde, hat uns Stitzinger nach der Doppel-Expedition erzählt.

Aufstieg Broad Peak

Beim Aufstieg zum Broad Peak.

Gipfelgrat Broad Peak

Ausgeapert - Der Gipfelgrat des Broad Peak auf 8000 Metern.

Zustieg Basislager

Nach dem Broad Peak wechselte das Team ins Basislager des K2.

Gemessen an seinen Leis­tungen wäre Luis Stitzin­ger ein Riese. Doch im Vergleich zu Böhm, Nag­lich und Co. hört die Bergsteiger-Welt wenig von den waghalsigen Befahrungen an den höchsten Ber­gen der Welt. Keine Fotos, die die Abenteuer-Rubriken jedes zwei­tenPrint-Magazins zupflastern, kei­ne Videos, die im Morgenmagazin, ORF oder auf jeder halbwegs Berg­steiger-affinen Website laufen. Understatement ist das Marken­zeichen des kleinen, ruhigenBerg­führers aus dem Allgäu. Wer dem Produktmanager Expeditionen des DAV Summit Clubs zum ersten Mal begegnet, hätte sich das 42-jährige Skiass wohl etwas größer und kräf­tiger vorgestellt. Doch das älteste von drei Geschwistern hat einiges von Vater und Bergführer-Pionier „Burschi“ Stitzinger geerbt. 

Was als Skibefahrung zählt und was nicht

So zieht es Stitzinger mit seiner Le­bensgefährtin Alix von Melle seit Jahren immer wieder in den Hima­laya. An den höchsten Bergen der Welt nimmt Stitzinger immer wie­der die Ski mit. Aus Überzeugung. „Theoretisch müsste man alle 8000er mit Ski abfahren können“, kompromisslosen Definition einer Skibefah­rung: Idealerweise jeden Meter mit Ski, also ohne abzuschnallen. Nach Zielen wie Gasher­brum, Nanga Parbat und Makalu zog es den Allgäuer im Juli dieses Jahres an den Broad Peak. Mit seiner Erstbefahrung der zentra­len Diamir-Flanke am Nanga Parbat hatte er bereits 2008 in Bergsteigerkreisen für Aufse­hen gesorgt. Mit Infos zur Route von Bene­dikt Böhm im Hinterkopf wollte Stitzinger im Rahmen einer DAV-Expedition, die er als Lei­ter führte, den Broad Peak befahren. „Unser erster Gipfelversuch am 14. Juli scheiterte lei­der, weil es zu viel Neuschnee hatte und sich das Wetter verschlechterte“, sagt Stitzinger. Danach reiste die DAV-Gruppe ab, Stitzinger und seine Freundin blieben. Zwei Wochen hatten die beiden noch drangehängt, eigent­lich um den K2 zu ver­suchen. 

Doch dann habe man die nächste überra­schende Schönwetter­periode genutzt, sei mit einer international gemischten Gruppe direkt auf Lager zwei aufgestiegen. „Ganz schön schnell und hek­tisch lief das, aber es hat ja geklappt“, er­zählt Stitzinger, der sich eigentlich auf Schlechtwettertage eingestellt hatte. Dann höher zu Lager drei, mittlerweile auf 7010 Metern.Von dort klet­terten die beiden in 14 Stunden auf den Gip­fel. Die Bedingungen spielten ihnen dabei in die Karten, der Gip­felgrat war fast komplett aper und steinig. „Statt zwei Stunden haben wir eine halbe Stunde rüber gebraucht“, sagt Sitzinger. Zu­rück am Col auf 7800 Metern schnallte sich Stitzinger seinen Broad Peak-Ski an. An der Schlüsselstelle – einem schmalen Colouir – habe er Glück gehabt: „Weil genügend Schnee lag, konnte ich mit einem kleinen Hüpfer direkt in die Flanke springen und al­les fahren.“ Nach einer Nacht auf Lager drei ist Stitzinger bis zum Wandfuß gefahren. Im unteren Teil verlangten ihm Blankeistellen und 50 bis 55 Grad steiles Gelände noch ein­mal alles ab. 

Umzug des Basislagers: Vom Broad Peak zum K2

Ankunft im Basislager, Freude, Erholen, Es­sen, Schlafen: Bereits am nächsten Tag, dem 27. Juli packten die beiden ihren ganzen Krempel und zogen um ins 1,5 Stunden Fuß­marsch entfernte Basislager des 8611 Meter hohen K2. „Als wir vom Broad Peak herun­terkamen, hat sich das ganze Basislager auf den Weg gemacht: die eine Hälfte zum K2, die andere nach Hause“, sagt Stitzinger. Man habe sich mit anderen Expeditionen zusammengetan und es seien etwa ein Dut­zend Leute gewesen am K2. 

Drei Schlechtwettertage kamen von Melle und Stitzinger gerade recht. So konnten sie sich von den Strapazen erholen. Auch die Bedingungen am Berg fand Stitzinger fast schon luxuriös: „Die Fixseile bis Lager drei waren bereits angebracht und wir waren nur zwölf Leute an einem der renommier­testen Berge der Welt.“ Aber allein das zei­ge schon, wie die Chancen an diesem Gipfel gesehen werden. Schließlich hatte in den vergangenen beiden Jahren kein einziger Bergsteiger den Gipfel über diese Route er­reicht. 

Als sich das Wetter besserte, entschied sich die internationale Allianz an Bergsteigern, den Gipfel in Angriff zu nehmen. Gute acht Stunden dauerte der Aufstieg ins zweite Hochlager auf 6300 Meter. Am nächsten Tag weiter auf Lager drei. „Dort musste ich ein Dreimann-Zelt ganz alleine hochschlep­pen“, klagt Stitzinger. Im vierten Lager habe man sich die 4,5 überdachten Quadratmeter dann zu viert geteilt. Ein Uhr nachts, halb zwei, zwei Uhr: Der peitschende Wind ver­zögerte den geplanten Aufbruch zum Gip­fel immer weiter. „Als der Wind um drei Uhr immer noch nicht eingeschlafen war, haben wir abgebrochen. Dazu ist auch noch Bewöl­kung aufgezogen“, sagt Stitzinger. 

Mit Ski auf 7900 Metern: anspruchsvoller als am Nanga 

Als Letzter habe er sich dann gegen 10 Uhr an die Abfahrt mit Skiern gemacht. Gestartet ist Stitzinger direkt an der Schulter auf 7900 Metern: Bis zum Lager drei im zentralen Couloir, dann der Wechsel in die Kukuczka-Route – einem anderen Grat. Dort kletter­te Sitzinger im 3er/4er-Gelände eineinhalb Stunden ab, ehe er bis fast zum Basislager abgefahren ist. „Das war anspruchsvoller als am Nanga Parbat, viel langwieriger. Es gab Stellen, wo ich nicht wuss­te, ob es überhaupt geht!“ 

Auch von ganz oben – dem Gipfel des K2 – glaubt Stit­zinger, dass es gehen müss­te mit Skiern abzufahren. „Eine K2-Befahrung wäre der ganz große Preis“, er­klärt Stitzinger. Der be­scheidene Riese würde es zumindest versuchen.


Mehr Infos zu Luis Stitzinger: www.goclimbamountain.de