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Leichte Stiefel im Test

Zwischen Alltagstauglichkeit und kompromissloser Leichtigkeit: Hier wildern leichte Tourenstiefel mit zwei Schnallen. „Nur für Rennläufer“, lautete lange deren Image. Diese Zeiten scheinen ein für alle Mal vorbei – wie unser Test beweist.

stiefel

Zu viel Isolation bietet keiner der dünnwandigen Zweischnaller. Lange Pausen und Herumstehen im Schnee führt schnell zu kalten Füßen.

zweischnaller

Viel Beweglichkeit machen den Aufstieg bequem.

leichte schuhe

Beim Test mussten sich die leichten Tourenstiefel im direkten Vergleich beweisen.

Beim Testen in Osttirol mit Blick zu den Drei Zinnen.

Im Test: La Sportiva Spitfire.

Dynafit TLT6 Mountain.

Der Testsieger: Dynafit TLT6 Performance.

Das Vergleichsmodell: der Dynafit TLT5 Performance.

La Sportiva Sideral.

Der sportlichste Zweischnaller im Test: Scarpa Alien.

Zugegeben, hätte Dynafit mit dem TLT 5 vor vier Jahren nicht einmal gehörig auf den Putz gehauen, möchten wir uns gar nicht ausmalen, mit welch globigen Tretern wir heute noch die Höhenmeter fressen würden. Gott sei Dank sind diese Zeiten vorüber. Bei der Entwicklung der Tourenstiefel befinden wir uns momentan in einem Bereich, der in Sachen Beweglichkeit und Abfahrtsleistung fast ausgereift ist. Was leider zu oft noch auf Kosten der Haltbarkeit ausgenutzt wird. Trotzdem bewährt es sich an den Füßen der Tourengeher. Denn lange schien es, als ob nur Drei- oder gar Vierschnaller die nötige Haltbarkeit für die Abfahrt liefern. 

Leichtes von Dynafit, Scarpa und La Sportiva

Dieses Vorurteil wollten wir doch genauer untersuchen. Denn zu wichtig ist mittlerweile die Leistung im Aufstieg. Deshalb haben wir leichte Zweischnaller zum Test geladen. Aber nicht mal eine Hand voll Hersteller bringt Zweischnaller für den flotten Aufstieg auf den Markt. Während sich die Newcomer der Szene noch mit den traditionellen Dreischnallern vergnügen, bringt die Haute Couture des Spritzgusses wahre Ingenieurskunst in die Läden. Der moderne Tourenstiefel trägt sich im Aufstieg wie ein Lederbergstiefel und hat die Abfahrtsleistung eines Freeride-Boots. Sagen wir mal fast! Ganz genau betrachtet ist es im Gelände doch sowieso sinnvoller, einen etwas Fehler verzeihenderen Stiefel zu haben, als eine brachiale Abfahrtswaffe, die entweder bockhart oder bleischwer an den Füßen hängt. In das Testfeld haben es daher auch nur drei Hersteller geschafft. Altbekannt, aber ganz auf Höhe der Zeit, stehen die Modelle von Dynafit, La Sportiva und Scarpa momentan als Superlative in den Regalen. 

Unterschiede bereits bei den Innenschuhen

Beim Anziehen der Stiefel sieht man schon die ersten Unterschiede. Jedes Modell für sich lässt sich hier unterschiedlich handeln und hat seine Eigenheiten. Der neue TLT 6 von Dynafit hat einen Schnür-Innenschuh, auch La Sportiva lässt einen langen Schnürsenkel um die Wade wandern. Nur Scarpa verzichtet auf diesen Luxus und lässt den Innenschuh mit einem kleinen Klettverschluss verschließen. Beim Anziehen ist es bei allen Modellen am einfachsten, zuerst in den Innenschuh zu schlüpfen und damit dann in die Schale zu steigen. Zum Fixieren des Fußes im Aufstieg muss man lediglich eine einzige Schnalle (Scarpa = Drehverschluss) betätigen. Genau diese Schnallen erweisen sich aber manchmal als Schwachpunkt. La Sportiva hätte da auch etwas mehr Engagement in eine bessere Variante stecken können. Dynafit hat dieses Problem erkannt und bereits nachgebessert. Bei Scarpa kennt man solche Fehler nicht und verbaut dafür den einwandfrei funktionierenden Boa-Drehverschluss. Der zieht sich zwar nicht ganz so massiv zusammen wie eine Schnürung, ist dafür aber äußerst schnell und effektiv. Nur die scharfen Stahlseile beanspruchen den Kunststoff mit der Zeit. 

Beweglichkeit von -20 bis +30 Grad

Im Aufstieg zeigen sich Dynafit und La Sportiva bei allen Modellen ziemlich ausgewogen. Scarpa hat hier die Nase vorne, weil der Schuh in flachen Passagen den geringsten Widerstand hat und am beweglichsten ist. Alle anderen Modelle unterscheiden sich weder in der Vor-, noch in der Rücklage. In Grad ausgedrückt: In der Praxis nutzt man etwa eine Range von -20 bis +30 Grad. Dagegen zeigten die Stiefel in der Abfahrt mehr Unterschiede: Erstens spürt man die unterschiedlichen Härten der leichten Schäfte. Um Druck auf die Kante der Ski auszuüben, braucht man einen steifen Stiefel, der nicht zu viel nachgibt („flext“). Generell gilt: Bei leichten Ski darf der Stiefel auch etwas weicher sein. Daher bleibt der Carbonschaft des TLT 6 Performance auch der Spitzenreiter. Gefolgt vom Spitfire, Sideral, TLT 6 Mountain und dem Alien. Verwendet man die von Dynafit mitgelieferte harte Zunge, wird die Performance richtig knackig, auch die Mountain-Version reiht sich vor dem Spitfire von La Sportiva ein. La Sportiva hat seinen Modellen bereits eine bewegliche Zunge spendiert. Der flexible Kunststoff-Lappen behindert nicht im Aufstieg, bietet aber gute Unterstützung in der Abfahrt. Gegen Frostbeulen könnte der Scarpa durchaus grenzwertig werden. Er bietet kaum Isolierung gegen Kälte. Rumstehen sollte man im Stiefel nämlich überhaupt nicht. Bei allen anderen Modellen ist das Kälteproblem im Vergleich zum älteren TLT 5 nicht mehr so gegeben. 

Breite Füße vertragen sich nicht mit allen Zweischnallern

Bei der Schalenform unterscheiden sich die Modelle drastisch. Mit die beste Passform zeigten Scarpa zusammen mit Dynafit. Wirklich erstaunlich, dass bei Größe 27.0 die Schale des Alien gerade einmal 287 mm misst. Das spart natürlich Gewicht. Dagegen haben die Schalen von Dynafit und La Sportiva exakt dieselbe Länge von 297 mm (Schalensprünge pro ganze Größe um 10 mm). Am engsten fallen die La Sportiva-Schuhe aus, was speziell Leuten mit breiten Füßen Probleme bereiten könnte.

Carbon vs. Kunststoff

Wer auf die Bequemlichkeit, am Gipfel die Zunge in den Schuh zu stecken, verzichten kann, der kommt bei Dynafit mit einem Kunststoff-Schaft locker aus. Für steile und schwierige Abfahrten sollte man die Zunge einsetzen. Einen Tick mehr Steifigkeit bietet die Carbon-Variante. Für La Sportiva gilt: etwas mehr Steifigkeit erreicht der Spitfire, für preisbewusste Käufer ist der Sideral durchwegs ausreichend.

Bootfitting: Thermo-Innenschuh anpassen

Thermo-Innenschuhe können Sie selbst an ihren Fuß anpassen. Die meisten Liner können Sie mehrmals im Backofen erhitzen: Einlagen herausnehmen, den Liner in eine Auflaufform legen und bei 120° Grad Umluft 8-10 Minuten erhitzen. Danach legen Sie die Einlagen wieder hinein, ziehen zwei paar Socken an und steigen in die Schale. Je fester die Schale geschlossen wird, umso weiter wird später der Innenschuh. Gehen Sie nun mit dem Schuh ca. zehn Minuten, drücken Sie das Schienbein nach vorne und bewegen Sie die Ferse ordentlich im Schuh bis der Liner ausgehärtet ist. Beachten Sie aber immer die Hinweise in der Gebrauchsanleitung des Herstellers.

Material und Passform

Minimalismus kann man nicht sorgfältiger kreieren. Das zeigt Scarpa wirklich eindrucksvoll an seinem Alien. An der Schale wurde getuned was das Zeug hält. Das deuten auch die Streben an den Seiten an, bei denen an den beanspruchten Stellen etwas mehr Material zur Verfügung steht. An der Ferse wurde ein Art Schneefang integriert, den man leider etwas über der Ferse spürt. Alles in allem ist der Leisten des Scarpa relativ komfortabel und passt daher für die meisten Fußformen. Der TLT 6 fällt etwas breiter und bequemer aus als der Vorgänger. Nur sehr extreme Fußformen werden in der Schale ihre Probleme haben. Speziell die La Sportiva Modelle sind äußerst schmal geschnitten und für Leute mit breiten Füßen gar nicht oder nur mit individueller Anpassung zu tragen. Wer merkt, dass er in seinem Schuh ganz und gar nicht zurecht kommt, sollte unbedingt seinen Händler des Vertrauens um Hilfe bitten. Der findige Händler hat seine ganz eigenen Methoden, um im schlimmsten Fall sogar die Form der Schale zu verändern bzw. das Material zu dehnen.

So haben wir getestet

Beim Testwochenende in Osttirol mussten alle Stiefel jeweils 1.500 Höhenmeter zurücklegen. Zwei Tester, vier Füße und jede Menge Zeit verbrachten wir zwischen 1.500 und 3.000 Metern Höhe. Dabei konnten wir von steilen, vereisten Abfahrtspassagen, bis hin zu flachen Aufstiegsrouten nahezu alle Facetten des Tourengehens abklappern. Mehrfaches Umstellen vom Aufstiegs- in den Abfahrtsmodus und umgekehrt. Dabei mussten sich die Testmodelle im Handling beweisen. Anziehen, Ausziehen, Schnalle öffnen, schließen und wieder öffnen. Ski tragen und mit den Fellen gleiten, alles war dabei.